Im Körper zu Hause sein.

„The body is merely the visibility of the soul, the psyche; and the soul is the psychological experience of the body.“
– C. G. Jung

 

Photo by Inge Poelman on Unsplash

Warum es so schwer ist – und doch so wichtig – mit dem eigenen Körper in gutem Kontakt zu sein.

Unser Körper ist das Abbild unserer Seele. Jede Empfindung erzählt von dem, was wir innerlich erleben.

Ohne Körper, kein Dasein. Er ist unser Zuhause, entscheidet in höchstem Maße, wie wir uns fühlen, wie präsent wir sind, was wir erleben und wie wir in Beziehung gehen. Über den Körper sind wir mit anderen und der Welt in Kontakt – oder eben nicht.

Und doch: wir ignorieren ihn, betäuben ihn, übergehen ihn, beuten ihn aus. Manchmal quälen wir ihn sogar. Warum?

Eine Spurensuche.

 

Warum meiden wir den Körper?

Eine Vermutung, die für mich Sinn ergibt: Wir meiden den Körper, weil wir unsere Emotionen meiden. Unsere Gesellschaft liebt es im Kopf zu sein, dem Denken den Vorrang zu geben um damit die Kontrolle zu behalten.

Im therapeutischen Verständnis nennt man das mentalisieren, also in den Kopf gehen, um nicht mit Gefühlen oder Schmerz in Kontakt sein zu müssen. Wir versuchen, Emotionen zu lösen, indem wir über sie nachdenken, anstatt sie „einfach“ zu fühlen. Einfach in Anführungszeichen, weil ich weiß, wie schwer das für viele ist. Und wie verständlich: Wenn der Schmerz zu groß ist oder wir nie gelernt haben, ihm gut zu begegnen, erscheint es nur logisch, ihn umgehen zu wollen.

Gefühle sind eine zutiefst somatische Erfahrung. Wenn wir also nicht fühlen wollen, ist es hilfreich, unseren Körper auf Abstand zu bringen.

Menschen, die früh viele schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben, erleben oft, dass jede Körperempfindung daran erinnert. Für sie wird der Körper zum Feind. Sie versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen, bis hin zu Abspaltung oder Selbstverletzung.

Grenzen, die wir nicht mögen

Was wir ebenfalls in den seltensten Fällen gelernt haben, ist auf unseren Körper zu hören. Oft ist er das Hindernis, in einer modernen Welt, die jederzeit nach Funktionieren und unerschöpflicher Energie fragt.

Der Körper zeigt uns unsere natürlichen Grenzen. Und Grenzen mögen wir nicht, denn sie hindern uns vor allem an einem: mitzuhalten. Also übergehen wir sie. Und überhören die einfachsten Signale wie Hunger, Müdigkeit oder Verspannungen. Und bringen dabei alles durcheinander. Wir essen aus Müdigkeit, gehen zum Sport, obwohl unser Körper eine Pause bräuchte oder schalten auf stumm, wenn es wichtig wäre, dem Körper zuzuhören. Dafür müssen wir nur die passende Ablenkung finden.

Das funktioniert solange, bis wir den Preis zahlen.

Die Sprache des Körpers

Dabei ist es gar nicht schwer, den Körper zu verstehen. Häufig ist Menschen anzusehen, wie sie sich fühlen. Man sieht es in der Haltung, in Bewegungen, in winzigen Gesten. Oft beobachte ich Menschen, die nach vorne gebeugt durch die Straßen eilen. Schultern, die schwer hängen. Arme, die im Gespräch verschränkt sind. Vielleicht hast du du schon beim Lesen direkt ein Bild, was das bedeuten kann.

Oder ganz subtil: das Bein, das unruhig wippt, während der Rest des Körpers starr wirkt. Hände, die nicht stillhalten können und sich immer wieder eine Beschäftigung suchen. Alles Signale, bei denen wir uns fragen könnten: Was braucht dieser Körper? Was will er damit sagen?

 

Warum wir uns mehr mit unserem Körper verbünden sollten

Der Körper ist der Schlüssel zu unserer inneren Weisheit. Verspannungen können Hinweise sein auf tief sitzende Blockaden, die uns hindern, wirklich in unser Leben einzutreten.

Ich glaube, dass die oft erwähnte Intuition im Körper sitzt und dass er uns helfen kann, zu wissen, wann etwas für uns richtig ist und sich stimmig anfühlt. Wenn uns etwas abstößt oder anzieht, weiß das unser Körper oft ganz genau.

Ein Bauchgrummeln in Situationen, die uns nicht geheuer sind. Die Anspannung im Nacken, wenn wir das Gefühl haben, nicht frei agieren zu können. Das Zuschnüren der Kehle, wenn wir uns eingeengt fühlen. Die sich aufstellenden Härchen, wenn wir in Aufruhr sind. Oder das hüpfende Herz, wenn wir eine besonders freudvolle Erfahrung machen.

Resonanz mit anderen

Der Körper verbindet uns auch mit anderen. Oft spüren wir die Präsenz einer Person, noch bevor wir sie sehen. Wir nehmen wahr, wie es ihr geht, noch bevor sie ein Wort sagt. Und unser eigener Körper zeigt uns, ob wir jemandem zugeneigt sind oder lieber auf Abstand gehen.

Kaum etwas ist so anziehend wie Menschen, die in sich ruhen und in ihrem Körper daheim sind. Diese Verbundenheit spüren wir, ob bewusst oder unbewusst. Und ebenso spüren wir Unruhe, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird. Körper spricht zu Körper. Unser Nervensystem scannt das Gegenüber, schon bevor wir bewusst in Kontakt gehen.

Auch Mitgefühl braucht die körperliche Komponente. Unser Körper geht in Resonanz, wenn wir wirklich mit jemandem in Kontakt sind. Studien zeigen, dass wir sogar körperlichen Schmerz empfinden können, wenn wir sehen, wie andere leiden.


Wahre Entspannung geht über den Körper

Den Körper zu beruhigen, beruhigt den Geist – und umgekehrt. Warum Meditation uns oft in die Ruhe bringt, lässt sich auch so erklären: die körperliche Ruhe beruhigt auch die Gedanken. (Vorsicht: Bei Angst oder starker Depression kann Meditation jedoch nicht förderlich sein und manchmal sogar verstärkend wirken.)

Wenn unser Nervensystem weniger Reizen ausgesetzt ist, kann es seinen Modus wechseln und in einen ausgeglichenen Zustand gelangen. Der Körper kann sich entspannen. Wenn wir lernen, wie wir zur körperlichen Ruhe finden, dann können wir auch insgesamt mehr zur Ruhe kommen.

 

Wie geht das?

  1. Sich immer wieder in den Körper zurück holen
    Das bedeutet: Lernen, im Fühlen zu bleiben. Sobald wir merken, dass wir aus dem Körper in den Kopf gehen, können wir uns daran erinnern, wieder ins Fühlen zurückzukehren – immer wieder. Wo spüren wir eine Empfindung? Wie fühlt sie sich an? Was lässt sich darin wahrnehmen?

    Hilfreich ist, den natürlichen Bewegungen unserer Körperempfindungen zu folgen. Wie eine Spurensuche führen sie uns nicht nur auf verborgene Wege, sondern helfen uns auch, mit voller Aufmerksamkeit zu bleiben und wertvolles Wissen zu entdecken, das uns sonst verborgen bliebe.

    Wenn wir das tun, lernen wir, dass kein Moment dem nächsten gleicht, dass Empfindungen sich stetig wandeln und schließlich auch wieder auflösen. Oft fürchten wir, in bestimmten Gefühlszuständen stecken zu bleiben und nicht mehr herauszukommen. Doch das geschieht nur, wenn wir sie ignorieren. Sobald wir mit ihnen bleiben, erkennen wir, dass sich jede Erfahrung irgendwann verändert.



  2. Langsamer werden
    Der Körper ist nicht dafür gemacht, dauerhaft schnell zu sein. Schnelligkeit signalisiert Stress. Es kann deshalb schon helfen, bewusst darauf zu achten und das Gehen, bestimmte Abläufe oder Bewegungen einfach zu verlangsamen. Auch die Atmung – besonders das langsame Ausatmen – ist ein wichtiges Werkzeug, um uns selbst zu beruhigen.

    Das Ausatmen aktiviert einen Teil unseres Nervensystems, der darauf ausgelegt ist, den Herzschlag zu verlangsamen und unser System in die Regeneration zu bringen. Du kannst das leicht selbst wahrnehmen: Spüre für ein paar Momente deinen Herzschlag und experimentiere dann mit der Atmung, einmal schnell, einmal langsam. Wenn du bewusst langsam ausatmest, kannst du vielleicht fühlen, wie sich dein ganzer Körper allmählich in die Ruhe senkt.



  3. Bewusste Räume schaffen, um den Körper zu fragen, wie es ihm geht
    In der Körperarbeit gilt ein einfaches Prinzip (nach Reginald Ray):
    „Spannung bleibt bestehen, solange sie unbewusst ist.“

    Was wir nicht spüren (können oder wollen), bleibt im System. Viele von uns tragen alte Muster in Muskeln, Atem und Haltung. Stille Zeugen von Überlebensstrategien, die einst notwendig waren, uns heute aber oft daran hindern, wirklich mit uns selbst und der Welt in Kontakt zu kommen.

    Meine liebste Form der Meditation, und das, was ich zurzeit fast ausschließlich mache, ist die Körpermeditation. Vereinfacht gesagt geht es darum, den eigenen Körperempfindungen zu folgen, sie bewusst wahrzunehmen und zu öffnen. Das braucht Übung, doch jeder einzelne Schritt dorthin ist wertvoll und lohnt sich.
    Auch ohne Übung können wir beginnen, dem Körper zuzuhören: indem wir ab und zu innehalten, in uns hineinschauen, uns fragen, wie es uns geht, und dann lauschen, was sich zeigt. Meiner Erfahrung nach funktioniert das am besten, wenn wir eine bewusste Position einnehmen, in der der Körper Ruhe und Sicherheit findet – bei mir ist das Liegen – und uns Zeit nehmen, nach innen zu spüren. Auch eine eigene Berührung an schmerzenden oder spannungsreichen Orten kann helfen, diese tiefer wahrzunehmen.

    Manche Menschen empfinden schon in diesen kleinen Übungen ein großes Unbehagen. Das kann ein Signal sein, dem Körper mehr Aufmerksamkeit zu schenken.



  4. Den Körper spüren
    Im Alltag gibt es viele kleine, spielerische Wege, um mit dem Körper in Kontakt zu kommen. Wir müssen nicht immer gleich tief in den Emotionsraum eintauchen, manchmal reicht es, dem Körper einfach Beachtung zu schenken.

    Das geht durch achtsame Bewegung, beim kreativen Arbeiten mit den Händen, beim Kochen, Backen, Tanzen, Gärtnern oder Musizieren. Ein besonders einfacher und zugleich kraftvoller Weg ist das Summen. Beim Summen gerät der ganze Körper in Resonanz; wie ein Schallkörper nehmen wir jede Schwingung wahr, spüren uns selbst als Ganzes. In der Traumatherapie wird Summen häufig genutzt, um Menschen zurück ins Hier und Jetzt zu holen und in die Ruhe zu bringen.

 

Also, beim nächsten Mal, wenn du dich aus dem Kontakt fühlst, stimme doch mal ein schönes Lied an 🙂Ich hoffe, dieser Text hat dir neue Impulse geschenkt. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, schreib mir gerne. In meinen Coachings arbeite ich häufig mit Körperwahrnehmung – und es ist möglich, dies auch gezielter zu tun.

Aus eigener Erfahrung empfehle ich dir auch Osteopathie oder Shiatsu, für mich hat es Welten geöffnet.

Herzlichst,

Steffi

 

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